Standardverbesserungen,

ja oder nein?

 

von Willi Kosa 

Seit 1998 befasse ich mich nun wieder mit der Zucht von Guppys und seit 2000 stelle ich diese auch auf   Ausstellungen aus. Ungefähr seit dem gleichen Zeitraum gibt es die verschiedenen Foren im Internet, die sich mit dem Thema Guppy und auch dem Ausstellungswesen beschäftigen. Dabei gab es von Anfang an Kritik an den Bewertungen auf Ausstellungen. Das wird sich auch in Zukunft nicht mehr ändern, denn der Guppyzüchter ist durch das Internet informierter und damit auch mündiger geworden. Die Gründung des neuen Forums der deutsche Guppyvereine www.dgv-forum.de ist sehr zu begrüßen, da sich hier die interessierten Guppyzüchter vereinsübergreifend über die verschieden Themen informieren und austauschen können.

 

Die Zeiten, wo sich die Guppyzüchter ein X für ein U vormachen ließen sind endgültig und für immer vorbei! Gravierende Fehler werden nicht zuletzt durch Fotos auch von der Öffentlichkeit erkannt. Sicher muss man einen Ausstellungssatz zur gerechten Bewertung in Natur vor sich sehen. Wenn aber z. B. der höchstbewertete Satz bei Triangel Rot ein Fisch ist, der fast kein Rot zeigt oder ein Rot das voll mit schwarzen Streifen (Fehlfarben?) durchzogen ist, dann gibt das sicher zu denken. Fast alle sagen zwar „so einen würde ich nie zur Zucht nehmen!“ Aber gehen wir mal davon aus, er ist von der Form her gleichwertig, warum ist das dann der Siegerfisch? Von den Richtern erhielt ich folgende Antworten: Wenn alle drei die schwarzen Streifen gleich haben ist das kein Fehler. Sie haben Recht, auch wenn es unsinnig ist. Oder noch schlimmer: „die farblosen Stellen sind nicht farblos, ich kann einen gelben Glanz auf den Schuppen erkennen“(hier müsste genau definiert werden was farblos ist!) also Flächendeckung 100 % obwohl eigentlich nur 50 % (12 statt 5 Punkte!) Also allein hier 7 Punkte Unterschied, wobei das reine Auslegungssache ist.

Es gab in letzter Zeit viele Diskussionen im Internet, bei Guppyseminaren und bei verschiedenen Treffen wie man evtl. zu einer gerechteren und auch nachvollziehbaren Bewertung kommen könnte. Der Hauptgrund jedoch, die teilweisen zu ungenauen bzw. die veralteten Beschreibungen im IKGH Standard, (hier meine ich hauptsächlich im Bereich Farbbeschreibung), wurden bisher nur von wenigen erkannt und wenn dann bis zu Verzweiflung in den Internetforen tot geredet.

Es kann aber nur eine gute Richterausbildung und gerechte Bewertung geben, wenn es eine genaue Standardvorschrift gibt. Nach dieser genauen Standardvorschrift muss dann auch ausgebildet und gerichtet werden!

Es ist eine für mich unerklärliche Tatsache , dass sie sich zwar alle gerne jaulend über eine schlechte Bewertung beklagen, aber wenn man sie anspricht doch an einer Verbesserung des Standards mit zu arbeiten, sie doch lieber an veralteten und nicht genauen Formulierungen im Standard festhalten. So bleibt ein Großteil der Bewertungskriterien reine Auslegungssache. Seit 10 Jahren wird kritisiert, aber seit 10 Jahren hat sich nichts geändert! Wenn man fragt warum, dann bekommt man zu Antwort: Wir Deutschen Vereine haben im IKGH nur ein Stimmrecht von 0,89 % (pro Verein), wir können da nichts ändern! Aber ändern muss sich etwas, denn diese Lotteriebewertungen wie sie zum Teil derzeit stattfinden sind sicher nicht dazu geeignet mehr Freunde für die Guppyzucht zu gewinnen. Das Beste was wir alle gemeinsam für die Guppyzucht und insbesondere für das Ausstellungswesen tun können, ist dafür zu sorgen, dass es auf Ausstellungen möglichst gerecht zugeht und es für alle nachvollziehbare Bewertungen gibt!

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Auch bei den verschiedenen Punktrichtertagungen ist man bisher eigentlich nicht weiter gekommen. Das hat erstens den Grund, dass sich Richterschulungen und Punktrichtertagungen inhaltlich fast nicht unterscheiden und zweitens, wenn man doch auf Ungenauigkeiten im IKGH Standard stößt, immer wieder der Satz kommt: “Wir können im Standard aus bereits oben genanntem Grund nichts ändern!“ Aber gerade bei Punktrichtertagungen müsste es so sein, dass man zu Ergebnissen kommt und dann diese wenn nötig auch im Standard ändert! Also den Standard dort wo es nötig ist präzisiert und verbessert. Wenn man etwas Ungenaues nicht verbessert kommt man doch niemals weiter!

Von einer Abschaffung des IHS redet kein Mensch, denn dieser ist unbedingt nötig damit wir unsere Zuchtprodukte auf Ausstellungen miteinander vergleichen wollen. Das ist wohl jedem klar. Als Beispiel möchte ich mal anführen, dass bei der letzten Punktrichtertagung festgestellt wurde, im Standard wird mehrmals die Formulierung „Abzug bis zu 1 Punkt“ verwendet. Geändert wurde das aber bis heute nicht. Bei Punktrichtertagungen sollte es nicht um die alleinige Durcharbeitung des Standards gehen (das ist Sache von Richterschulungen), sondern um die Aufarbeitung von Unklarheiten im Standard.

Noch mal: Wir brauchen in Zukunft endlich eine Möglichkeit den Standard dort, wo es nötig ist zu verbessern und zu präzisieren. Das müsste vor allem bei Punktrichtertagungen geschehen und auch eingeleitet werden. Deshalb ist es nötig, dass bei Punktrichtertagungen jeweils von jedem Verein ein stimmberechtigter Vertreter anwesend ist! Der IHS ist eine gute, wenn auch noch nicht perfekte Sache! Viele Farben z. B. sind nicht genau genug beschrieben, wodurch sich bei der Bewertung viele Unklarheiten ergeben. Die Meinungen der Richter gehen teilweise sehr weit auseinander und manchmal hat man den Eindruck der eine sagt Schwarz und der andere Weiß. Schon des Öfteren hatte ich Gelegenheit die Wertungen verschiedener Richter bei Ausstellungen durchzusehen und ich kann euch nur sagen, es gut wenn die Wertungen geheim bleiben. Die Meinungen zu einzelnen Bewertungskriterien gehen unter den Richtern oft extrem weit auseinander und sehr oft hat auch jeder Recht, weil es eben im IKGH Standard nicht genau beschrieben ist bzw. zu viel Auslegungssache ist. (Zudem ist das Urteil des Richters unanfechtbar, auch von seinen Kollegen oder der Ausstellungsleitung kann es nicht verändert werden!) Wenn man als Richter bei Unklarheiten nach Lösungen sucht, dann findet man sie nicht im Standard und wenn doch, dann so ungenau beschrieben, dass man wieder zu viel frei interpretieren kann! Das sind unsere Bewertungsemisere und der Stand der Dinge zurzeit!

Auch Hans-Peter Neuse hat dazu bereits im Herbst 2007 einen Artikel veröffentlich, den ich hier (wegen seiner Aktualität) noch einmal zitieren möchte:

Haben wir einen Standard?

Ist das eine ketzerische Frage? Sicher, für einige ja! Denn sie werden auf den IHS (Internationaler Hochzucht Standard) hinweisen und voller Entrüstung sagen: Aber da ist er doch!

Nun, nähern wir uns dieser Frage einmal so sachlich und faktisch wie möglich! Was heißt Standard denn eigentlich? Der Duden sagt: Normalmaß, Durchschnittsbeschaffenheit, Richtschnur. Richtschnur, das hilft uns weiter. Denn das soll der Standard in der Tat sein. Er soll uns den Idealtypus eines Zuchtproduktes angeben, wie er denn auszusehen hat. Wonach wir uns als Züchter richten können und müssen! Nun denn, wieder eine Frage. Macht der IHS das? 

Bisher hat mir sicherlich noch jeder zustimmen können. Ab jetzt aber werde ich Widerspruch ernten. Denn ich behaupte, der IHS ist lückenhaft, widersprüchlich und in vielen Punkten verbesserungswürdig. Aha, sie wollen Beispiele? Hier einige sehr willkürliche!

Allgemeine Bewertungsrichtlinien; Abs. 43 Farbqualität / Qualität des Musters ist das harmonische Zusammenspiel aller Farben, wobei intensive (=kräftige) und Pastellfarben mit ausreichender Sättigung und klare Trennung der Farben erwünscht sind bzw. bei Muster auf eine ausreichende Geschlossenheit und ansprechende Farbe Wert gelegt wird. Dieser gesamte Absatz ist doppeldeutig und schwammig. Wenn der Standard uns ein Ideal vorgeben soll, was sollen dann Begriffe wie „erwünscht, ansprechend und ausreichend“ bedeuten? Welcher Definition unterliegen sie? Der jedes Züchters, eines Richters auf Ausstellungen? Wie soll ein Züchter wissen, was klare Trennung der Farbe bedeutet, oder ausreichende Geschlossenheit des Musters. Oder noch ungenauer und schwammiger, was heißt ansprechende Farbe? Wäre das nicht die Aufgabe eines Standards, hier klare und eindeutige Vorgaben zu schaffen? Richtlinien nämlich, wie eine „Richtschnur“ das eigentlich macht?

Noch ein Beispiel gefällig? Ein besonders eklatantes? IHS; Anhang 3; Abs. 195 – 203a Hierbei sollen die Grundfarben beschrieben werden. Wenn es denn nur so wäre! Grundfarbe Grau, einziger Kommentar: (dominant) Mehr nicht. Grundfarbe Blond: (rezessiv), dunkler Farbstoff fehlt fast völlig. Seltsam, äußerst seltsam. Das sollte man unbedingt den Ausstellungsseriensiegern der Blond HS Roten mal sagen, die unter anderem durch ein sehr schönes HS brillieren.

Grundfarbe Blau: (rezessiv), gelbe und rote Farbstoffe fehlen. Auch seltsam. Woher kommen die r²r² Guppys mit den roten Flossen, wenn rote Farbstoffe völlig fehlen sollen?

Grundfarbe Pink: (rezessiv), helle (rosa) und dunkle Farbstoffe, im hinteren oberen Körperteil heller Längsstreifen. Aha. Könnte es sein, dass es noch nicht bis zum IKGH durchgedrungen ist, dass rosa bei Pink mit ni zusammenhängt?

Grundfarbe Albino: (rezessiv), Pigmentierung kann völlig fehlen, rote Augen. Pigmentierung kann völlig fehlen? Wenn die Pigmentierung nicht völlig fehlt, wie kann es denn ein Albino sein? Ist es nicht die Kernaussage und Klassifizierung für einen Albino, dass er keine Pigmente hat?

 

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Grundfarbe Weiß: (doppelrezessiv aus Blond und Blau), gelbe und rote Pigmente fehlen. Die Melanophoren sind klein und punktförmig. Auch hier, seit Jahren schon werden gute Tiere ausgestellt der Grundfarbe Weiß mit roter Beflossung.

Grundfarbe Lutino: (rezessiv), Pigmentierung kann völlig fehlen, dunkelrote Augen. Man beachte die Gleichheit zur Beschreibung von Albinos.

Bis auf das „dunkel“ ist die Beschreibung identisch. Aber was ist denn nun ein Lutino, wo ist der Unterschied zum Albino? Wie erkenne ich ihn, was macht ihn denn aus?

Sicher ist das alles nur ein Ausschnitt, und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Was bedeutet das aber für die Praxis? Nun, nicht zuletzt erschwert es die Arbeit der Punktrichter. Denn durch die Ungenauigkeiten im Standard entstehen Interpretationsmöglichkeiten bei den Bewertungen. Und diese können durchaus bei ein und demselben Satz alleine für die Farbe einige Punkte ausmachen. Oder den Unterschied zwischen Sieg und Mittelplatz!

Ein weiterer Schwachpunkt des IHS bzw. diesmal des IKGH ist, dass man auf Veränderungen in der Szene mit vielen Jahren Verspätung reagiert. So wurde die Grundfarbe Lutino in den Standard aufgenommen, als es Lutinos in Europa kaum noch gab. Die Deckfarben Japan Blue oder Blue Grass wurden mit fast Zehnjährigem Abstand zum erstmaligen Auftreten in Europa in den Standard übernommen! Da ein Standard jedoch immer und in allererster Linie ein Instrument zur Zuchtsteuerung ist, kann man sich vorstellen, was solche Versäumnisse für die Züchter bedeuten! Ein weiteres, bedauerliches Versäumnis ist das völlige Fehlen von genetischen Codes, die den Farben, bzw. Grundfarben zugeordnet werden. Auch das sollte eigentlich in einem guten, modernen Standard nicht fehlen!

Deshalb folgt hier ein Vorschlag, wie ein zukünftiger Standard aussehen könnte (und sollte, wenn er denn als Zuchtstandard verstanden werden will): · Die Grundfarben sind als solche klar und eindeutig zu beschreiben · Die Deckfarben müssen klar beschrieben werden Wünschenswert wäre auch, wenn zu den einzelnen Farben die jeweilige Erbformel aufgeführt würde und ebenfalls Aussagen über den Erbgang vorhanden wären. Vom bisherigen Standard können durchaus die Beschreibungen über den Körper und die Beflossung verwendet werden. Hier ist der IHS ausreichend präzise. Darüber hinaus sollten folgende Punkte Beachtung finden: · Vorschriften wie „Punktabzug von x Punkten“ gehören nicht in eine Formulierung der Idealbeschreibungen, diese gehören in ein gesondertes Werk über die Standardanwendung · Richtlinien zur Durchführung einer Ausstellung sind kein Bestandteil eines Standards. Hierfür ist ein eigener Text zu schaffen, der als „Schauordnung“ oder „Durchführungsbestimmungen“ bezeichnet werden kann. · Erst recht gehört nicht in einen Standard, ob eine Schau mit Blumenschmuck zu versehen ist. Ein Standard ist immer nur eine Beschreibung des Ideals. Alles andere gehört in ein gesondertes Werk. Und dann ist noch eine Sache zu lösen.

Zurzeit werden alle 5 Jahre IKGH Treffen durchgeführt, bei denen „Standardänderungen“ gemacht werden können. Bei einer so schnellen Generationenfolge wie beim Guppy ergeben sich 12 bis 15 Generationen, bevor etwas abgeändert werden kann. Dies ist aus züchterischer Sicht untragbar. Standardanpassungen müssen laufend möglich sein. Dazu bedarf es allerdings einer ständigen Arbeitsgruppe, die solche Änderungswünsche aufnimmt, bearbeitet und in eine neue Formulierung zum Standard überführt, die dann schließlich in geeigneten Gremien diskutiert und abschließend beschlossen werden kann. Abschließend bemerke ich noch, dass dieser Artikel aus vielen Gesprächen mit Züchtern, Richtern und auch Offiziellen resultiert. Er ist die Quintessenz aus vielen Gesprächen.

Schon des Öfteren haben wir (DGD und GKR) versucht, unsere Meinung im dgv-forum, das ja für alle Vereine offen ist kund zu tun. Leider mit wenig Erfolg. Da bekommt man Antworten von Leuten, die alles nur noch schwieriger machen als es ohnehin schon ist! Auch gibt es anscheinend einige Daueroppositionelle, die gegen alles sind! Nicht zuletzt deshalb haben die Vereine GKR und DGD beschlossen alle Vorschläge zu diesem Thema zu sammeln, dann die evtl. brauchbaren Vorschläge auszuwählen und sie dann im Frühjahr 2008 den Guppyvereinen vorzustellen und mit ihnen gemeinsam auszuarbeiten. Danach kann man sie beim IKGH beantragen, oder wenn das fehlschlagen sollte über eine andere Lösung nachdenken.

Alle die jetzt brauchbare Vorschläge zu diesem Thema haben sind jetzt herzlich eingeladen, mitzumachen! (Nur wer mitmacht kann auch mit gestalten) Danach werden wir verfahren wie beschrieben. (Und uns auch dann Gedanken machen, wie wir nötige Mehrheiten bekommen können!)

 

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Anmerkung der Redaktion: Ich weise gerne darauf hin, das Jeder sich an dieser Diskussion beteiligen kann. Der Guppy Report steht, als neutrales Instrument, gerne zur Verfügung. Einfach eine Mail oder einen Brief an die Redaktion. Ich werde bemüht sein, diesen Artikel dann so früh wie möglich in einer der kommenden Ausgaben erscheinen zu lassen.